2. MANIERISMUS – MAN NANNTE IHN DEN GROSSEN LUDEWIG
Nicht wegen seines Namens. Auch nicht wegen seiner Körpergröße, obwohl er ein stattlicher Mann war. Mit breiten Schultern und einem selbstverständlichen Gang, bei dem er den Bürgersteig mitbenutzte, wie eine Bühne. Sein Ruf klebte an ihm, wie ein Fels. Unverrückbar. Der Ludewig war Restaurator und Vergolder.
Nicht irgendeiner. Er war derjenige, der die Kupferwappen für August dem Starken im Grünen Gewölbe mit Gold überzog. Schmuckgestalter, Restaurator und Sektionschef im Verband Bildender Künstler. Kenner und König zugleich. Er hatte ein Talent, mit einer Hand zu arbeiten und mit der anderen den Mythos, um sich selbst zu füttern.
Er trug Kordhosen weit, weich und sandfarben. Kashmirrollis so glatt, dass sie wie Seide fielen und um den Hals: ein locker geschlungener Schal mit Paisley Muster, der sich wie beiläufig unter dem Kragen hervorstahl. An der rechten Hand ein Ehering. Links ein Siegelring mit blauem Lapislazuli, schwer wie eine Familiengeschichte, deren Gravur ein Dämon mit einem Engel, die Aufmerksamkeit fremder Leute anzog.
Früh schon verlor er sein Haar. Nicht seine Dominanz.
Die Glatze trug er mit Selbstverständlichkeit, verborgen unter einer Schiebermütze aus Leder, unter der sich dunkelbraune Locken hervorkräuselten, die er mit Pomade gezähmt hatte. Wenn er durch die Stadt ging, wurde er erkannt. Nicht, weil sein Lachen so laut war, sondern weil man ihn nicht übersehen konnte.
Er hatte diese Ausstrahlung, die weit über ihn hinaustrat.
„Der Ludewig, der ist der Dinglinger des Ostens. Der macht Schmuck und fürs Grüne Gewölbe restauriert er auch.“ Mehr mußte man nicht sagen. Das reichte.
Er sprach mit jedem und keiner verstand, woher er alle kannte. Politiker, Sammler, Schauspieler, Journalisten, Funktionäre.
Immer schien er schon dagewesen zu sein, bevor das Gespräch überhaupt begann. In seiner Jackentasche trug er ein Bündel Geldscheine und es wirkte nicht wie Reichtum, sondern wie ein Requisit aus einer anderen Epoche.
Sein Auftritt war barock. Wie ein übrig gebliebener Zentaur: Unten wild, aufbäumend, kraftvoll wie ein Hengst und oben wach, klug und taktisch.
Ein Mann, der alles sah, der Gespräche wie Schachzüge führte. Der ein Lächeln als Waffe benutzte und einen Toast aussprach, als taktischen Zug. Man wusste nie, woran man bei ihm war. Aber man wusste: Er war jemand.
Dresden, 1956.
Brühlsche Terrasse.
Katharinas Mutter Ulla schlenderte mit Freundinnen die Brühlsche Terrasse in Dresden entlang.
Da fällt ihr eine Frau in einem schönen Kleid auf.
Sie trug schwarze lange Locken und darüber eine gehäkelte Mütze.
Ulla folgt der Frau.
Die verwechselte Frau drehte sich zu Ulla um und trug einen Bart über das Gesicht und braune Augen schauten sie an. Ein Augenblick, dessen Lächeln gewann. Es war ein Mann.
Damals nannte er sich Sarah, kannte die Gelüste der Dresdner Unterwelt und er lebte diese Gelüste auch aus. Seine Familie waren Wolgadeutsche, die 1924 zurück nach Deutschland flüchteten. Die Großmutter von Katharina hieß Eugenie und war ein gerissenes Weibsbild.
Klever, klug und gutaussehend, lieferte sie, aus dem Umkreis ihres Sohnes Informationen weiter. Sie schmuggelte mit Waffen und Kaffeebohnen.
Es war eine komplett gegenteilige Welt als die gutbürgerliche Familie von Ulla, Katharinas Mutter. Doch Gegensätze ziehen sich an. Ulla löste ihre Verlobung mit einem Nürnberger Unternehmer und heiratete nun diese „Sarah“.
Alle nannten ihn nun Pitty. Er war Russe und Mormone.
Pitty empfing oft Bruder Urban. Der brachte Süßes für die Kinder, tätschelte ihre Köpfe und sprach mit Pitty über das Ewige. Ulla brachte frischen Kaffee im Meissner Porzellan. Diesem mit den rosa Rosen darauf. Schweigend deckte sie den Tisch ein und ließ die Männer unter sich reden. …
29. ZEITGENÖSSISCHE KUNST – PITTY STIRBT
Als Katharina ihren Vater zum letzten Mal in ihrem Leben sah, hatten sie beide schon lange die Rollen getauscht. Wenn ihr Vater sie, als sie anderthalb Jahre jung war, ins Leben führte und ihr das Malen beibrachte und ihr die schönen Künste lehrte, so führte sie ihn langsam aus seinem Leben heraus. Keiner wusste genau, wann es passiert und die meisten hatten sich bereits aus seinem, ehemals glamourösen Leben verabschiedet.
Katharina wurde derweil in Dresden an der Akademie der Bildenden Künste von der Förderklasse im Abendstudium aufgenommen und selten in Althof.
Ihr Vater war inzwischen Quartalssäufer und seine despotischen Züge wurden von seinem Mißtrauen geschürt, welches die irrsinnigsten Begebenheiten hervorrief.
Er war durch die sechszehnjährige Vergoldung quecksilbervergiftet. Wenn seine Kinder ihn im Haus besuchten, warnte er regelmäßig, die Keramikteller bitte abzuspülen.
Das auf den Tellern sei kein Staub. „Das ist Quecksilber!“, rief er aus dem Wohnzimmer über die große Diele bis hinüber in die Küche. So schoben die Kinder neugierig mit dem Finger den Staub zusammen, bis er sich in kleine silberne Kügelchen verwandelte, die über die braunen Keramikteller kullerten.
Seit 1956 war auch in der DDR die Vergoldung mit Quecksilber verboten und seine gesundheitlichen Auswirkungen dadurch, übertrafen sich in schwer nachvollziehbaren Situationen, so dass der Respekt und das Blut, das sie verband, eher Schutzbefohlenheit und Sorge in seiner Tochter auslösten. Doch nun befand sich Pitty schon lange auf hoher See zwischen schwindelerregenden Höhen und schwarzen Abgründen, begleitet von Delirien und Außerirdischen, die inzwischen bei ihm in seinem Kopf und Haus eingezogen waren. …
… Dieses Grüne Gewölbe wurde von ihrem Vater geprägt, seitdem die Russen die Kunstschätze nach Dresden zurückgebracht und er mit Bonnie die Katalogisierung und die Restauration der Kronjuwelen und den Austausch der Edelstein für das Grüne Gewölbe übernommen hatte und jetzt lassen sie ihn fallen?
„Bitte gehe jetzt!“ Noch in Gedanken versunken, hörte sie unterbewußt, „Lass mich bitte allein!“ und schaute auf. Ihr Vater schwankte zur Haustür und Katha fragte, „Kann ich Dir noch irgend etwas helfen, Papa?“ Er schüttelte den Kopf und ging wieder zurück. „Nein. Mache nur die Tür von außen zu.“
Schwer beunruhigt und fassungslos ließ sie ihn allein.
Kurz darauf kam ihr Bruder mit seiner Frau zu ihr. Sie standen im Flur und eröffneten die Begrüßungszeremonie mit einem „Katha, Du mußt jetzt tapfer sein.“
Sofort fragte sie zurück, „Was ist mit Vater?“
Sie setzten sich alle an einen Tisch und Ihr Bruder erzählte, er sei aus heiterem Himmel ins Krankenhaus gegangen und hatte noch zur Nachbarin gesagt, er hätte keine Lust mehr und ginge jetzt sterben.
„Sage schöne Grüße an meine Kinder!“
Die Nachbarin, Oma Ilse, dachte, es ist nur ein Schabernack. Nach drei Tagen rief das Krankenhaus an.
„Es tut uns leid, ihr Vater ist verstorben.
Johannes und Sabine fuhren sofort nach Althof und als sie das Haus betraten, fanden sie in der Asche im Kamin Pittys Unterlagen, wie seinen Personalausweis, Entwürfe, Krankenversicherungen, Steuerbescheide und sein Mitgliedsausweis aus dem VBK-Dresden, dem Verband Bildender Künstler, in dem er als Schmuckgestalter und Sektionschef der Abteilung Formgestaltung arbeitete.
Der Perserteppich lag immer noch im Kamin und Sabine nahm die, soweit noch erkenntlichen, und verkokelten Papiere heraus. Johannes war wie versteinert und zeigte keine Emotionen. Sie stellte sich neben ihn, als er immer noch gebannt auf den Kamin starrte und fragte, ob er es nicht seltsam finde, dass Pitty seine Papiere verbrannt habe. Sein ganzes Leben und seine Identität.
Johannes versteckte seine Fäuste in seinen Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. „Die Antwort kann uns nur das Grüne Gewölbe geben.“
34. COMMUNITY ART – BONNY AND CLYDE
Der Nebel wich aus dem Kopf von Katharina. Die Gedanken wurden klar. Es war ein eiskaltes Kalkül. Ein Plan. Eine lange ertragene Feindschaft deren unterwürfige Demut Katharinas Eltern gegenüber, eine Chance witterten, um an die unschätzbar wertvollen Antiquitäten zu gelangen.
Ulla und Pitty funktionierten wie ein ineinandergreifendes Konstrukt, das nur in Abhängigkeit zueinander existieren konnte.
Ulla konnte nach außen hin nur bestehen, wenn sie mit Pitty verbunden war. Pitty war ohne Ulla nichts. Ulla war seine Souffleuse. Seine Dirigentin. Seine Metamorphose.
Es ergab sich folgende Beobachtung: Trennt man beide weit genug, fügt man eine dritte Person hinzu, etwa einen Liebhaber, kippt die magnetische Anziehung in eine repulsive Kraft. Aus Bindung wurde Gegenwehr. In ihrer Arroganz und Verletzlichkeit gab es keinen Raum, sie wieder zu vereinen. Sie stießen sich regelrecht ab.
Pitty nahm das überschäumende Maß an Glück und Zärtlichkeit seiner Ex-Frau zur Kenntnis. Der neue Freund hatte Ulla geraten, Pitty selbst davon zu unterrichten. Pitty zuckte mit keiner Wimper, als er es erfuhr. Er war erstarrt wie ein Eisblock und nach ein paar Sekunden ging er zur Tagesordnung über.
Er fragte nie wieder nach ihr und er erfuhr auch nicht, als sie im Sterben lag.
Man konnte Katharinas Vater mit einem Märtyrer vergleichen, der allen Schmerz, Verlust und Entbehrung willentlich erduldet mit dem klaren Bewußtsein, dass seine Haltung bis zu seinem Tod gehen wird oder damit endet.
So war dieses Klassentreffen von Bonnie, der Kollegin von Pitty, ein willkommener Vorwand, die nun alleinstehende Ulla und Frau ihres ehemaligen Kollegen, dazu mit einzuladen. Freudig, weil der jahrelang Vertrauten ihres Mannes, sagte Ulla zu.
Angeblich wollte ihr Bonnie ihren neuen Freund vorstellen, den sie nach der Wende wiedergefunden hatte und sie dadurch wiedervereint sind. Gerne begleitete Ulla sie und lernte Clyde kennen. Der kam aus dem Westen und stellte sich als eloquenter Single im besten Alter vor. Ein Chemiker mit drei Söhnen. Verheiratet und hoch verschuldet. Das behielt er für sich.
Zielstrebig schrieben seine ersten Komplimente Ulla die Verlegenheit ins Gesicht und Schamesröte erfüllte sie bei der Direktheit seiner Wortwahl. Katholisch und als Pittys Frau lebte sie von Gesten, die sie interpretieren mußte, aber der direkte Zugang zu ihrem Herz in Worten und blumigen Liebesbriefen, war ihr so nicht bekannt.
Um so leichter war das Spiel für Bonnie mit ihrem Freund Clyde, Ulla so verliebt zu machen, dass sie nobel ihre Geste ausführte, diesen Mann für Ulla freizugeben und dieser Liebesbeziehung nicht im Wege zu stehen.
Danach war alles ganz einfach. Clyde zog aus dem Westen zu Ulla und bekam den Hausschlüssel für Radebeul. Mit diesem Tag war es für ihn ein Leichtes, den grausamen Plan umzusetzen und Ulla zu mit Aflatoxin zu vergiften, was optisch wie Vitamin-C Pulver aussieht, geschmacklos ist und sich leicht in geringen Mengen schon untermischen läßt.
Der Besitz von Ulla. Ihr Haus, der Zugriff ebenfalls auf Pittys Haus, der Garten mit Teich und Weinberg, die Antiquitäten, die ein unfaßbares Vermögen zum Nachlaß brachten, all das war für diesen Mann Grund genug, über Ullas Leiche zu gehen.
Als sie das Testament in ein Vermächtnis vordatierten, waren sie ihren Ziel schon unaufhaltsam nahe, denn bei den Streitereien, die die Familie vorweg bis aufs Blut ausgefochten hatte, war zu erwarten, dass die Geschwister nicht gegen den Erbschleicher zusammenhalten, sondern sich parallel dazu persönlich gegenseitig in den Rücken fallen.
Es war wie bei einem Brettspiel, wo man nicht an den einzigen Zug denken mußte, sondern an deren Strömungen und Territorien, die erst viel später sichtbar wurden. Es war wie beim GO-Spiel, man sieht Räume, Balancen und Machtverschiebungen, deren Mittel die Geduld sind.
