KATHA´s CUTTING ART
11. Kapitel_Zurück nach Deutschland?
Nach anderthalb Jahren stand mir das Wasser am Hals. Das Leben in Dubai war anstrengend. Man musste zeitgleich alle Zügel mit den Händen lenken und im selben Moment fünf Karten auf einmal ausspielen. Der Araber sagt, „Das Leben ist ein Theaterstück und nur die beste Show gewinnt“ und es war so wahr. In Deutschland blättern wir den kleinsten Nebenjob in unserer Vita auf und jede Dorfausstellung zählte. Aber wen interessiert dieses Dorf? In Arabien zählte der Auftritt, das Herz, der Umgang mit der Situation, die Auslandsaufenthalte und die Überzeugungskraft. Es war paradox und ich verstand es nicht. Ich kam mir vor, wie ein Baby, welches Laufen und Sprechen lernen musste. Deutsches Denken und deutsche Sprache waren nicht kompatibel mit dem arabischen Lifestyle. Ich dachte ja Knigge* ist international. Wir, das Land der Dichter und Denker. Wir sind die Macher und der Rest der Welt läuft uns hinterher. Wir Deutschen haben die Technik, wir haben die Wissenschaft, wir haben die Diplomatie, haben die Autos, die großen Firmen und Deutschland ist reich. Wir sind Boss und es war frustrierend, dass hier die Menschen auf der Rolltreppe links hochfuhren und nicht rechts, wie wir. Ich lief immer auf die Seite der Rolltreppe zu, die gerade runterkam.
Alles war seitenverkehrt und dann diese überfreundliche Nettigkeit der Menschen. Wie geht es Dir? Wie war dein Tag? Du siehst gut aus. Kann ich Dir helfen? Ich habe ein kleines Geschenk für Dich. Ich hole Dich ab und wir gehen etwas essen oder lass uns doch auf einen Drink in eine Bar. Komm ich zeige Dir die Wüste und den Sternenhimmel und dagegen der Deutsche: Tag. Kannst Du mal? Ich brauche. Nein heute nicht. Kopfschmerzen. Der Nachbar hat. Keine Zeit. Was willst du denn? Dagegen war ich dann in diesem Land, wo wirklich die Kultur eine Herausforderung und sie zu verstehen, unbeschreiblich schwer ist und es berührte mich diese Herzenswärme der Araber. So dass ich gar nichts sagen konnte. Ich war es nicht gewöhnt, so höflich und einladend zu sein und es ging mir so schwer über die Lippen! Ich konnte das nicht, nett sein, wie aus der Hüfte geschossen und die Worte blieben mir, wie ein Kloß im Hals stecken
Ich war drüber. Innerlich zerrissen. Dieses Land zog mich magisch an und ich verstand gar nicht, warum ich mich ihm nicht mehr entziehen konnte. Dennoch war noch der Rest Sehnsucht nach deutscher Sicherheit in mir. Es kam eine Saure-Gurken-Zeit, ich verkaufte kein Bild und zog mich zurück. Mein Apartment stand auf der Kippe. Der Land Lord gab mir bis Ende des Monats eine Galgenfrist, sonst muss ich ausziehen und ich flog auch raus. Bye, bye Jumeirah Road.
Ich hatte kaum noch Geld und zog vorübergehend in den ältesten und runtergekommensten Stadtteil Dubais nach Bur Dubai. Das ist das alte und noch historische Dubai mit der Bauweise, wo noch nasse Tücher in Türme gehängt wurden, um das Haus in der Hitze zu kühlen und den ersten Häusern überhaupt, mit denen man den langen Weg bis zu den heutigen gigantischen und architektonischen Wolkenkratzern begann. Doch, was die Inder vor 50 Jahren naiv und ohne handwerkliches Talent aufbauten, bricht inzwischen schon lange wieder zusammen. Es war diese erste Generation von Gastarbeitern, die nach Dubai kam, um die Stadt aufzubauen.
Die Loyalität der Emiratis den Indern gegenüber ist beachtlich. Man könnte sagen, sie sind inzwischen integriert, genießen den Status eines Einheimischen und beruflich werden ihnen Schlüsselpositionen anvertraut.
Bur Dubai ist heute historisch und zerfällt in all den Winkeln, die Fotografen so gern dokumentieren. Dort eine Gentrifizierung bautechnisch zu wagen und das alte Dubai und die letzten originalen Schauplätze zu sanieren, ist nicht zu bewerkstelligen. Der Begriff „Restaurierung“ ist in dieser Wegwerfgesellschaft noch nicht angekommen. Irgendwann werden sie diese verwohnten Häuser sanieren. Bur Dubai als Kernstück ist nur so noch authentisch nachzuvollziehen und zu begreifen.
Das Zimmer, in dem ich abgestiegen war, kostete die Nacht nur 15 Euro und hatte eine harte Pritsche mit einem auseinanderfallenden Schrank und einem Gemeinschaftsbad. Nachts hörte ich das Rasseln der Cockroaches auf dem Boden, das Fiepen der Ratten und nebenan die Geräusche der Straßennutten, die das Hotel als Stunden-Etablissement nutzten und lautstark schrien, weil es, so hörte ich es durch die dünne Wand, nicht um ein einfaches Geschäft ging. Kiki hatte mir ihr Zimmer zum Malen zur Verfügung gestellt. Das hieß, wenn sie morgens aus dem Haus ins Büro geht, konnte ich bei ihr rein und abends halb sieben musste das Zimmer wieder aussehen, als wäre ich nie dagewesen.
Damals war der Trip noch eine Weltreise. Vom Jumeirah bis Deira brauchte man so drei Stunden. Heute erledigt sich diese Busfahrt in 30 Minuten. Ich stieg am Gold Souq um, nicht ohne mir vorher den köstlichsten Kaffee ever für 20 Cent zu kaufen, um wach zu werden. Denn meine Nacht war gegen 3 Uhr zu Ende, damit ich pünktlich die Zeit nutzen konnte, um bei Kiki malen zu können. Der Rückweg bedeutete eine noch größere Katastrophe. Die uralten und nicht TÜV geprüften Busse waren überfüllt mit Indern und Pakistanis. Aneinander gequetscht wie Ölsardinen in der Dose. Sie, Asiaten und Chinesen spucken den ganzen Tag aus tiefsten Rachen den Rotz an die Wände und auf den Fußweg. Für sie ist das ganz normal. Sie „reinigen“ damit ihren Hals. Dazu kam dieser widerliche Gestank von undefinierbaren Gewürzen und Körperschweiß.
Ich will gar nicht darüber nachdenken, in was für Arbeiterunterkünften sie hausten. Sie redeten und riefen laut durch den ganzen Bus. Vorne hinter dem Busfahrer saßen die Frauen in drei Sitzreihen in denen jeweils zwei Frauen sitzen sollten. Pro Bus eigentlich zwölf Frauen in sechs Reihen jeweils zwei Sitze. Nur saßen immer drei Frauen auf zwei Sitzen in zwei Sitzreihen zusammengekauert in schwarzer Abaya und mit Tschador verschleiertem Gesicht. Die Frauen wirkten verängstigt und manchmal wurden sie von der Überzahl von Männern beschimpft und geschlagen. Es wäre mir als Europäerin ein couragiertes Handeln gewesen, aufzustehen und zu sagen: Stop to violate Woman! Aber ich bekam es auch mit der Angst zu tun und zog meine Ärmel über meine Handgelenke und murmelte wieder einmal leise vor mich her, eine Frau zwölf Ziegen. Eine Frau zwölf Ziegen.
Denn schließlich war ich ja auch in die Enge der zwei Reihen gepfercht. Manchmal gab es auch Tage, wo sich diese stinkenden fiesen Inder einfach auf die Frauenplätze setzten, und es war ihnen respektlos egal, ob sie das durften, und so streckte der Busfahrer seine große weiße Handfläche an seinem endlos langen Arm aus seiner Bustür heraus zu mir und sagte: Stop, the Bus is fully occupied! Da standen wir dann an dem Stoppschild der Bushaltestelle und warteten eine Stunde auf den nächsten Bus. Der pickte die Araberinnen auf und ließ mich stehen. Wieder wartete ich eine Stunde und der nächste Busfahrer öffnete die Tür und sagte, „Sorry Ma'am fully blocked!“ und fuhr weiter.
Dabei waren bei den Frauen am späten Abend wieder drei, vier Sitzplätze frei! Manchmal dauerte dieses Warten, bis sich ein Busfahrer ein Herz fasste und mich mitnahm, bis zu sechs Stunden. Dann kam ich heim, fiel ins Bett und stand nach drei Stunden wieder auf, um die gleiche Tortur zurückzumachen. Konrad fuhr nach Deutschland in den Urlaub und bot mir an, die 14 Tage bei ihm im Flora Creek Hotel zu wohnen. Er hatte mir die letzte Zeit immer mal 100 Dirham zugesteckt, damit ich mir etwas zu Essen kaufen konnte und ich war dankbar, dass ich aus diesem rattigen Ghetto wegkomme. Weg aus dem Gestank der versifften Inder und weg von den Gastarbeitern aus Pakistan, Bangladesch, Afghanistan, Philippines und Sri Lanka.
Außerdem brachte ich die Bewohner in der Villa auf die Palme. Neuerdings hielt, wenn ich abends an der Jumeirah Road auf den Bus wartete, eine schwarze Mercedes S-Klasse mit verdunkelten Scheiben vor mir am Straßenrand an. Ich konnte damals noch nicht erkennen, welche Nationalität der Mann hatte, der anhielt, ausstieg und mich ansprach. Er war dunkelhäutig und hatte einen Knopf im Ohr. Wie ein Security. Er öffnete mir die hintere Wagentüre und bat mich einzusteigen. Erst traute ich mich nicht und blieb noch stehen. Er sprach ein Englisch, welches ich null verstand und musste mich auf seine Körpersprache verlassen. Wir fuhren so 20 min Richtung Mirdif und hielten vor einer Villa mit einer hohen Mauer. Das Tor ging langsam auf und wir fuhren hinein. Es war eher ein Palast mit Säulen und Springbrunnen. Fackeln erhellten den Eingang und ich trat ein. Ein Palais in historischer alter Bauweise mit Vergoldungen, Mosaiken, Schnitzereien aus Elfenbein und Springbrunnen. In diesen Momenten sagte ich mir immer, „Katha, keep cool.“ Das ist kein Luxus. Das ist alles ganz alltäglich und ganz normal und lass dir bitte nicht anmerken, dass du gerade innerlich ohnmächtig umfällst.
In der Mitte der Lobby war ein Büfett aufgebaut mit ganz viel Gebratenen, Gemüse und Früchten. Zu trinken bot man mir Wasser aus einem antiken Keramikkrug an. Es kam eine Schar süßer arabischer Kinder angelaufen, die schnatterten, wie die aufgescheuchten Spatzen vom Dach und ich glaube, sie wussten, dass ich kommen werde. Auf der gegenüberliegenden Seite saß die Emirati-Familie in einer Reihe aufgestellter Stühle. Es war wie in einem Theaterstück. Die Kinder rannten zwischen den Eltern und mir, hin und her. Sie versuchten mit mir zu reden und verstanden mich in spielerischer Art und Weise recht schnell. Immer, wenn sie etwas Neues erfuhren, liefen sie zu ihren Angehörigen und erzählten es ganz aufgeregt. Das ich deutsch bin und Künstlerin und was sagten sie alles noch? Ich war die Attraktion und als ich die fertig gespeist hatte, legte sich die Spannung und der Fahrer der Limousine kam zurück und verneigte sich vor den Herrschaften. Ich hingegen durfte ihnen keine Hände geben, bedankte mich trotzdem mit Gesten und ging wieder mit ins Auto. Der Fahrer brachte mich exakt ins Flora Creek Hotel und ich stieg aus. Danke schön!
„God bless you.“, erwiderte er, lächelte und das Stück Sicherheit für mich an diesem Abend, fuhr wieder davon. Dieser Einladung folgte ich fünfmal und verstand nicht, wie die auf mich aufmerksam geworden sind. Später lüftete sich das Geheimnis. Die Bewohner in unserer Villa in Jumeirah schüttelten mit den Köpfen. Ich sei lebensmüde. Das wäre Wahnsinn. Du kannst doch nicht in ein wildfremdes Auto einsteigen!! Ich könnte verschleppt werden.
Konrad wohnte in einem Sharing Apartment Hotel, das heißt, es war ein acht Zimmer-Apartment, wo noch andere Familien mit vielen Menschen in einem Zimmer auf engstem Raum wohnten, und man nutzte, die gemeinsame Küche und das Bad. Duschen konnte ich bei Kiki. Mir war dieses Gemeinschaftsbad zu eklig und in die Küche ging ich nur vor vier Uhr morgens. So sah mich dort meistens niemand. Ich war ja nur zum Schlafen da. Konrad war superordentlich und wohlsortiert und ich froh, in seinem Bett schlafen zu dürfen. Wenn auch nur für zwei Wochen und dann, wie geht es danach mit mir weiter?
Mir fiel auf, dass man in Dubai Pferde- und Polo Sport affin war und sich dort der internationale Jetset in den VIP-Bereichen aufhielt. Das wären potenzielle Käufer und ich benutzte meine Kunstwerke schon immer, als Eintrittskarte. Sie hielten frühzeitig den Lifestyle und zeitgenössische Gefühle fest. Zeigten damals schon Marken-Brands, was heute durch Instagram völlig selbstverständlich geworden ist. Unter meinen Facebook-Freunden hatte ich einen Polo Peter, der meine Bilder manchmal kommentierte und so schrieb ich ihn an, ich sei in Dubai und bat ihn, ob er mir einen namentlichen Polo-Spieler autorisieren könne. Ich würde diesen dann malen. Er fand die Idee toll, lobte mich und meine Bilder über den grünen Klee und schrieb, er wäre leider gerade in London und wir sollten uns treffen, beim nächsten Polo-Turnier in Arabian Ranches. Um ihn besser auf meine Bilder einstellen zu können, malte ich meinen ersten Polo Player. Leider brachte mir dieser vorerst kein Glück.
Ich bekam keinen Fuß mehr in Dubai rein und wurde nur noch durch meine Bekannten gesattelt. Das ging nicht mehr. Sie konnten mich nicht immer durchschleifen und ich zog die Reißleine und rief in München einen Bekannten an und sagte Hallo Martin, bitte hole mich raus aus Dubai. Ich habe keine Wohnung, kein Geld und komme nicht mehr weiter. Er arbeitete bei SIEMENS, einem deutschen Mutterkonzern der internationalen Dependancen hatte und so auch in Abu Dhabi vor Ort war. Kannst Du mich bitte über die Firma ausfliegen lassen? Ich war früher Kuratorin einer Galerie in München und gab in diesem Zusammenhang auch Capital Art Salons für Firmen wie Thales, BDO, EON, Alliance Group und auch Siemens. Diese nutzten die Kooperation mit meiner Kunstgalerie und mir als Saloniere zur Kundenakquise und um auch die Mitarbeiter durch die Salons zu motivieren und für Kunst zu interessieren. Als ich nach Dubai ging, war das, so erinnere ich mich, ein kleiner Schreck für die Unternehmen. Man bat mich noch, mein Konzept als Franchise-Businessplan aufkaufen zu können und bot mir 25.000 Euro. Ich wusste damals leider noch nicht, was das ist, und konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich übertragbar sei. Der Pulsschlag meiner Salons war in meinem Blut und ich lebte diese Leidenschaft und war durch keine Eventmanagerin oder junge Sekretärin zu ersetzen. Ich bin Saloniere in der 4. Generation und richtige Salonieren sind Kupplerinnen und verbinden Menschen handwarm miteinander und sie haben die Gabe, magisch anzuziehen.
Bei mir gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man mag oder meidet mich.
Einer der Manager von Siemens blieb mit mir befreundet und genau den rief ich an. Einen Tag später sah ich eine unbekannte Nummer aus Abu Dhabi auf meinem Display und ich ging ran. “Hello Katha is speaking.“
„Hallo Katha.“, Martin aus München hier, er riefe über die Zentrale in Abu Dhabi an. „Du bist aber in München, ja?“ „Natürlich. Ich kann dich auf die Maschine am Freitagmorgen DXB-MUC setzen lassen.“ „Freitag! Morgen, übermorgen, überübermorgen. So schnell!“
Ich befand mich in einem Sog. In einem Sog nach unten. Vorbei, Du mein geliebtes Dubai. Ich war nicht stark genug für Dich. Ich muss gehen. Im Radio kam gerade „Soulmate“ von Natasha Bedingfield. Dieser Song war meine Seelenverwandte. Immer wenn ich später die Sheikh Zayed Road, Höhe Emirates Towers entlang und langsam in den Tunnel runterfuhr, zersprang mein Herz und ich bangte, dass ich nicht zurückkommen würde. Ich packte also meine Belongings zusammen.
Den Polospieler und noch zwei fertige Bilder zu einem Paket und vertrieb mir die Zeit mit Heulen. Wieder Deutschland, dort leben müssen. München liebe ich sehr. Allerdings war das Experiment Dubai gescheitert und mir wurde bewusst, dass ich in Deutschland meine Wunden lecken und wieder Fuß fassen muss.
Am Abend vor meinem Abflug traf ich noch einen Bekannten aus Los Angeles. Er war ebenfalls Auswanderer aus Deutschland und war nach 10 Jahren Aufenthalt in Dubai nun auch öfter in Amerika. Es ergab sich nie, sich zu treffen. Ich war inzwischen anderthalb Jahre in Dubai und bevor es gar nicht klappte, dann bitte heute Nacht. Wir trafen uns im Al Khayma im Dubai Marine Beach Resort. Ein wunderbares arabisches Café mit einem göttlichen Büfett. Man konnte während dieses Brunchens die innere Ruhe motivieren und ganz entspannt über Stunden hinweg das Essen, das Auswählen und das konzentrierte Gespräch zelebrieren und sprechen und schnalzen und auf dein Wohl! Ein köstlicher Primitivo! Kling´ und Salute! Unsere Zeremonie des Genusses und des Kennenlernens dauerte mindestens drei Stunden. Bis hin, zu den verführerischen Sweets für die teuer angefressenen Goldröllchen auf den Hüften. Alles, was das Herz begehrte. Genüssliches Schwächeln. Wir sprachen und lachten. Eine Künstlerin hat eine Aura, ist stark, polarisierend und erotisch zugleich. Ein Quäntchen Drama, der einen kurzen Moment lang Nähe zuließ. So kam es! Tränen rutschten aus meinen Augen über meine Wangen.
Mein Begleiter räusperte sich verlegen und rückte sich wieder ordentlich an den Tisch und fragte, „Du weinst jetzt aber nicht wirklich? Du lachst, oder? Was ist denn los!“ Ich gestand, dass ich in 6 Stunden zum Flughafen und zurück nach Deutschland gehe.
Ich habe es hier nicht geschafft. Ich verkaufe keine Bilder und einen festen Job habe ich ja nicht. Das wird alles zu riskant für mich und meinen Freunden in der Villa macht mein Zigeunerleben zu viele Sorgen. Es ist besser, wenn ich aufgebe. Er war sichtlich abgelenkt und starrte stumm vor sich her. Peinlich Katha, jetzt fällt gerade sein Bild von der tollen Pop Art Malerin, wie ein Kartenhaus in seinen Augen zusammen.
Er schaute mich an, dann ins Leere und dann wieder ganz weg. Mich wieder an. Ich fliege später mit der Morgenmaschine nach London für 4 Wochen. „Kannst Du den Flug noch verschieben?“ Wieso?
„Naja, gehe doch noch 4 Wochen in mein Haus in Al Safa und von da kannst Du immer noch entscheiden, ob Du wieder nach Deutschland zurückwillst.“ Wir verließen das Restaurant und den wunderbaren Nachthimmel über Dubai und da Deutschland uns drei Stunden in der Uhrzeit hinterher war, erreichte ich Martin noch am Telefon. „Bitte verschiebe den Flug noch einmal für mich. Ich kann noch 4 Wochen in einem Haus von einem Bekannten wohnen und möchte das Angebot sehr gern annehmen.“
Wir verschoben meinen Rückflug nach Deutschland um exakt vier Wochen und ich zog von Deira zurück fuß nahe zu meinem wunderbaren Jumeirah. Nur etwas höher nahe Safa Park und mehr zur Sheikh Zayed Road. Es war eine Straße ohne Namen, man nannte sie nur die 8B Street. Der Distrikt nannte sich schlicht „Emirates Akkommodation“. Es war eine lange Straße baugleicher Villen, die in der Hälfte geteilt waren und man dem Nachbarn dennoch nicht über die Trennmauer sehen konnte. Sie waren die ersten Wohnungen, die Emirates Airlines ihren Mitarbeitern anbieten konnte und so wohnten da auch nur, Piloten, Stewards, Stewardessen, diese auch gern genannt Saftschubsen. Die Flugbegleiterin hatte schon vor 80 Jahren ihren eigenen Status, sodass wenigstens eines sich in unserem Leben nicht verändert hat. Die sagenhaften Geschichten um Abenteuer in Flugzeugen und Verhältnissen mit Emirates Stewardessen. Mitten darinnen wohnte ich nun für einen Monat.
Mein Bekannter schickte jeden Freitag ein philippinisches Ehepaar zu mir, welches den fast schrankgroßen Kühlschrank mit zwei riesigen Einkaufswagen vom unweit entfernten Union Co-op befüllten. Das kannte ich nun schon aus Al Qusais. Von frischen Orangen bis zum Champagner hatte ich von einem Tag zum anderen wieder alles und man raunte in meinem Bekanntenkreis, man selbst lebe in einem einfachen Sharing Apartment und ich in einer Villa und hätte nicht einmal mit jemanden dafür schlafen gemusst. Wieso? Sollte ich? Macht man das so? Ich nicht!
Die Zeit nahm wieder Fahrt auf und ich begann mich in der Wohnung einzuleben. Sie war perfekt eingerichtet, im arabisch gemütlichen Stil und aus Respekt nutzte ich aber nur den Bereich unten. Da, wo man die Bediensteten wohnen ließ. Meine drei Bilder packte ich aus und der Bekanntenkreis tauchte wieder auf. Katha hatte eine Wohnung und Champagner. So hockte man bei mir und die Welt war wieder schön, wenn dann nicht das Wörtchen „Wenn“ gewesen wäre. Nicht meine Wohnung. Nicht angekommen und wieder einmal nur vorübergehend. Ich verkaufte ein Bild. Ein Abstraktes an eine Libanesin, die ich in einem Designer Showroom für Inneneinrichtungen kennen lernte. Sie war der menschgewordene Luxus. Vollständig in Dior gekleidet, mit Goldschmuck belegt mit Brillanten und so perfekt, dass ich mir neben ihr völlig deplatziert vorkam. Sie hatte keine Berührungsängste und ihren Respekt bekam ich schon vorweg, weil ich eine Deutsche bin. Reiche Millionärsgattin verheiratet mit einem omanischen Ölscheich. Sie machte ein großes Business in Dubai und war weitreichend mit der libanesischen Community vernetzt. Die Lady mochte den Pop Art Stil meiner Bilder und lud mich zur Einweihung meines von ihr neu erstandenen Kunstwerkes zu sich in die Dubai Marina ein.
Es war der Princess Tower. Er gehört zu einer Aneinanderreihung der teuersten Wolkenkratzer der Welt. Gleich vorne in der Perlenkette der Skyline mit Blick auf das Meer und die Strandbars und Luxusyachten. Ihr Apartment umfasste 400 qm mit einer Küche, die der Größe in einem Restaurant glich. Aus ihr strömten Köche und Kellner und offerierten ihre Speisen unter goldenen Speiseglocken. Die Gäste standen mit Champagnerflöten in der Hand auf dem Balkon und es waren so 50 geladene Personen, die alle mächtig etwas hermachten. Man sprach von den gemachten Reisen auf die Malediven und Elefanten-Polo in Kapstadt, dem Sommerhaus auf Bali und über die Finanzkrise in Amerika. In Deutschland war man leider noch nicht. Es wurde freundlicherweise auch ein deutscher Autohändler als Gesprächspartner für mich geladen, der in Louis Vuitton gekleidet war, bis hin zum Emblem in Gold auf den Wildleder-Mokassins. Sein Blick schweifte über das Meer und er schaute, als würde er sein Containerschiff mit den nächsten Porsches aus Deutschland schon am Horizont sehen. Für mich interessierte er sich wenig. Später, nach meiner Rückkehr nach Dubai, liefen wir uns dann doch noch öfter wieder über den Weg. Auf VIP-Veranstaltungen oder beim Polo.
Dennoch war meine Zeit in Dubai vorüber. Ich werde hier kein Visum bekommen, ewig als registrierter Tourist aller drei Monate zum Visa Run müssen und Dubai war teuer. Da ich mich allein finanzierte und unabhängig lebte. Der Jetset war herzenswarm und wirklich an mir interessiert, doch ich spürte, dass ich ausgemergelt und kaputt bin. Ich blieb weiteren Einladungen fern. Kein Geld, keine Louis Vuitton Taschen, kein luxuriöses Outfit. Ich kam mir vor, wie das Häufchen Mitleid, dem man nebenher aus Höflichkeit etwas Gutes tun wollte und wünschte mir den Tag herbei, wo ich aus diesen hoch technokratisierten Land wieder verschwand, und meinen Schatten nehme ich mit!
Im Nachhinein realisierte ich erst zurück in München, im dörflichen Gegensatz zu Dubai, dass ich völlig ausgebrannt war. Ich stand neben mir selbst und begriff, dass ich die gesamten Erlebnisse und Erfahrungen aus anderthalb Jahren nicht annähernd aufnehmen und für mich verarbeiten konnte. Es kommt mir vor, als hätte ich heute 19 Jahre später erst ausreichend Abstand und innere Ruhe, dass alles nicht nur hastig in Schnappatmung zu erzählen, sondern auch zu begreifen, dass mich Dubai geprägt und verändert hat. Ich habe in den letzten Jahren oft gesagt, sollte ich jemals ein Mädchen kennenlernen, das auch so wie ich auf „Nepper-Schlepper-Bauernfänger“ Art und Weise nach Dubai geht, würde ich sie ausknocken, in Ketten legen und warten bis sie wieder zur Besinnung kommt. Doch heutige Mädchen treibt nicht mehr die Neugierde. Sie planen zum Glück alles vorher perfekt.
Außerdem gleicht Dubai heute nicht mehr seinem alten Land. Es fehlt inzwischen das Verspielte, das Liebevolle, das arabische Ornament, und die Faszination aus tausendundeiner Nacht. Der Glauben an seine muslimische Kultur, den der Prediger in Stoßgebeten immer so enthusiastisch und emotional in der Moschee über die erwachende Stadt sendete, machte Platz für Kompromisse und internationale Diplomatie und übertragene Wirtschaftsabkommen.
