KATHA´s CUTTING ART
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6. ROMANTIK – GOLD AUS DER MÜNZE IN BERLIN_4. Folge 25. Juli 2026
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EXMATRIKULIERT. SUSPENDIERT. EXMATRIKULIERT.

Katharina war das leuchtende Vorbild und doch für die Studenten eine Gefahr. Ihre Geschichte zwischen Glanz, Kontrolle und Widerstand gegen das System, brachte sie nach ihrer ersten Suspendierung mit Verspätung zurück an die Kunsthochschule. Niemand sprach es laut aus, aber alle wussten:

Etwas hatte sich verändert. In ihr. In der Schule. In dem Blick, mit dem man ihr nun begegnete.

Der Rektor, ein typischer Vertreter des DDR-Künstlertypus in Kordhose und Flanellhemd, empfing sie mit der besorgten Freundlichkeit eines Pädagogen, der weiß, was auf dem Spiel steht. Damals war man mit vierzig schon alt. Nicht biologisch, sondern systemisch.

Wer führte, war verehrungswürdig. Wer gehorchte, war still.

Doch Katharina war jung und verhielt sich nicht still. Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie sich frei. Die Hochschule wurde zum Rückzugsort, nicht mehr zur Manege, in der sie vom Vater getrieben den Clown für Fremde spielen musste. Jetzt erhielt sie Zuspruch und ernsthafte Aufmerksamkeit. Ihr Talent war nicht zu leugnen. Ihre Zeichnungen waren präzise, ihre Blicke wach. Doch der Preis ihrer Rebellion gegen die Kunst und ihre Eltern war hoch.

Der Unterricht war hart, die Anforderungen gnadenlos. Wer nicht ablieferte, wurde zerrissen. Die Professoren duldeten keine Ausflüchte in der Malerei. Kommilitonen verließen weinend den Raum, zerschmettert vom Urteil eines Dozenten, der keine Hemmungen hatte, einem persönlich seine Talentfreiheit ins Gesicht zu sagen. Katharina blieb standhaft. Sie war die, an der sich andere ein Beispiel nehmen sollten. Ein zweischneidiges Lob, das Zukunft und Warnung zugleich war.

Zwischen Zoopraktikum, Zirkuszeichnung, Ölmalerei im Albertinum und Aktstudium unter der Glaskuppel der "Zitronenpresse" wurde gezeichnet, was das System als bildungsrelevant ansah:

Junge Meisterschüler in staatlich geprüften Semestern.

Die jeweils sechs Monate, thematisierte man je nach Semester und nannte das Praktikum dann zum Beispiel „Zusammenhänge und Durchbrüche“, was die Studenten einheitlich auf „Zusammenbrüche und Durchhänger“ umtauften.

Man lehrte das Erlernen des Portraitierens durch Bleistiftzeichnungen der griechischen Gipsköpfe aus dem Fundus der Kunsthochschule und Nachmalen der Sixtinischen Madonna in der Gemäldegalerie, welche einen Steinwurf nah nebenan war. Ölmalerei im Albertinum. Die Studenten standen mit Staffeleien mitten im Besucherstrom der Gemäldegalerie und kopierten die Romantik, über 500 Jahre alte Gemälde in einem Atemzug.

Im Malsaal fand das legendäre Aktstudium statt. 45 Minuten stillsitzen oder stehen, erstes Taschengeld, keine Scham, nur ein leises Spiel von Signalen, das nachts auf Partys weiterglühte.

Am Morgen danach der Dozent mit monsterschlechter Laune:

„Was ist das hier?“

„Jedes Kindergartenkind kann so malen.“

„Was sollen diese Kreislinien?“

„Wir sind hier nicht im Kreisverkehr!“

Härter noch, wenn er das Talent strich: „Sie können nach Hause gehen.“

Viele litten.

Katharina nicht. Sie verstand, setzte es um und wurde zum Vorbild erklärt. Angenehm war es nicht, denn Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Kritik als Werkzeug. Katharina dachte, von Seiten der Kunsthochschule kam kein Druck. Noch nicht. Währenddessen zogen sich zwischen den Staffeleien Spannungen wie feine Risse durch das Fundament der Künstlerin.

Die Nächte gehörten ihr. Die Freunde, mit denen sie gemeinsam Wohnungen besetzt hatte trafen sich in der „Gotteshütte“, das Weinlokal schräg gegenüber vom Neustädter Bahnhof war die Winzerstube. Ein Sammelbecken für Dresdens staatsfeindliche Kreative. Musiker, Dichter, Maler, Träumer.

Katharina war selten Teil der nächtlichen Runden mit den Kommilitonen. Sie saß lieber mit ihrem Bruder Johannes am Tisch, hörte schweigend zu, wenn die Älteren diskutierten, konzeptierten, stritten und entwarfen. Doch ihre nächtlichen Wege blieben nicht unbemerkt.

Katharina geriet ins Fadenkreuz der Staatssicherheit. Nicht wegen schlechter Leistung, sondern wegen zu viel Unabhängigkeit. Zu viel Geist. Zu viel Nähe zur Kunstszene. Sie passte sich nicht an und das System verzieh nicht. Es gab Berichte. An das Lehrerkollegium. An die Staatssicherheit.

Der Beschluss fiel im Dunkeln: Katharina muss exmatrikuliert werden.

Die Kunsthochschule wehrte sich. Aufgrund ihres „scheinbaren Talentes“. Stattdessen wurde sie nur suspendiert. Mehrfach und immer jeweils für sechs Wochen. Ausgrenzung als Methode. Mürbemachen durch Isolation. Obwohl sie zeichnerisch glänzte, blieb ihre fehlende Theorie eine Mauer, gegen die sie rannte. Die anderen waren vorbereitet, ihr überlegen in Wissen, in Zitaten und in der Sprache des Systems.

Sie spürte es: Man wollte sie brechen.

Katharina verstand, dass es nicht nur um Kunst ging.

Sondern um ihre Haltung.

Um ihre Zugehörigkeit und das gefährliche Leuchten einer jungen Frau, die zu talentiert war, um ignoriert zu werden und zu frei, um zu bleiben. Katharina war zu wach, zu ungebändigt, zu sehr sich selbst.

Das machte sie zur Zielscheibe.

Das Lehrerkollegium beobachtete sie, meldete sie und rapportierte an die Obrigkeit. Die Staatssicherheit griff durch. Man wollte sie loswerden, sauber, offiziell und mit Stempel. Der Plan ging auf. Was bleibt, ist das Bild einer jungen Frau, die zu viel wollte und in einem System lebte, das genau davor Angst hatte.

GEBURTSTAGSWÜNSCHE VON PROF. WILLY SITTE. Mein Vater hat am 21. März Geburtstag

Erst 1994 fing ich wieder zu malen an.

35. FEMINISTISCHE KUNST_ICH VERLIERE MEINEN GLAUBEN_3. Folge 23. Juli 2026
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29. ZEITGENÖSSISCHE KUNST - PITTY STIRBT _1. Folge 16. Juli 2026
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GOLD AUS DER STAATLICHEN MÜNZE IN BERLIN

Er musste los. Die Münze blies wie ein Saxofon zum Auftakt der Feuervergoldung. Pitty war ein Mann, der sein Leben zwischen Feuer, Goldstaub und gefährlichen Säuren verbrachte. Seine Werkstatt war kein Ort der Hektik, sondern ein Kopfkino aus einer anderen Welt.

An den Wänden hingen mittelalterliche Werkzeuge, deren große Kinderaugen Katharina vermuten ließen, dass sie einer Folterkammer entspringen mussten. Es roch nach Schmauch, Öl und diesem warmen, süßlichen Duft, den nur Gold ausdünstet, wenn es zu fließen beginnt. Stundenlang konnte ihr Vater sich gedankenversunken dorthin zurückziehen. Die Hände ruhig und die Augen konzentriert, nahm er die verbogenen Reste der kaputten Kupferwappen, bestehend aus Kronen, Blüten, Tieren, Blättern und Signaturen der jeweiligen Herrscher und gab ihnen einen neuen Körper. Er hatte eine Fähigkeit, die fast verboten war: Er lehrte sich selbst die barocke Kunst der Feuervergoldung.

Für Katharinas Vater war es Passion und ein stilles Versprechen, das Alte Dresden mit seiner Königlichkeit vor der Zukunft zu bewahren. Den Juwelen aus der Schmuckkammer von August dem Starken, dem prunkvollen Sachsenkönig neuen Glanz zu geben. Jahrelang hatten die Russen die Kunstschätze nach dem Krieg gelagert und als Kriegstrophäen mit in ihre Heimat genommen. Erst 1959 brachte man die Schatzkammer in Güterzügen und Kisten zurück nach Dresden. Pitty musste den Juwelen neues Leben geben. Manchmal, wenn er allein war, hatte er das Gefühl, die alten Stücke erzählten ihm Geschichten.

Wenn er das Quecksilber unter die ausgetauschten Diamanten tropfte und das Kristallglas so mehr leuchtete, legte er auch ein Stück seines eigenen Lebens in Schmuckstücke von Johann Melchior Dinglinger.

An diesem Tag fuhr er aus dem VEB Münze zurück nach Hause.

Berlin war hinter ihm, die Landstraße nach Norden gerade aus und im Kofferraum lagen Goldbarren. 250 Gramm schwer wie eingefrorene Sonnen ruhten sie dort, unter einem kleinen Perserteppich. Zusammen mit einer antiken sechseckigen Flasche gefüllt mit einer metallisch glänzenden Substanz aus Quecksilber, die mit einem Korken und heißem Wachs versiegelt war. Er hatte das schon oft gemacht, doch heute lag etwas anderes in der Luft.

Vielleicht war es nur der Nebel, vielleicht eine Ahnung. Die Straßen waren leer, wie die Felder nach der Ernte.Die Bäume, wie Zinnsoldaten. Zack, zack, weg.

Der Himmel hing bleigrau über der skurrilen Landschaft und Pitty hielt das Steuer fest in der Spur. Das Auto stolperte die Landstraßen über die Feldsteine entlang. Verkehr gab es nicht. Dann mit einem Mal ein Schlag. Ein dumpfes Geräusch, ein kurzes Zerren und der Wagen sackte zur Seite. Ein Reifen schoss an der Beifahrerseite vor ihm davon.

Pitty lenkte gegen, drehte sich und knallte in den Straßengraben. Er stieg aus, atmete die Luft aus ländlicher Idylle, verbremstem Gummi und aufgeschleudertem Staub. Rauchend und tief durchatmend schaute er die Wolken am Himmel an und hörte Motorengeräusche. Gleichmäßig, ruhig, dann näher.

Ein Polizeiauto war auf seiner Routinepatrouille. Kein Blaulicht. Keine Sirene.

„Alles in Ordnung?“ fragte einer der beiden Männer, als er an den Wagen herantrat.

„Ein Reifenplatzer.“, sagte Pitty.

„Haben Sie einen Ersatzreifen dabei?“

Pitty schaute seine Zigarette zwischen seinen Fingern an und zog noch einmal tief ein. „Ja unterm Kofferraum.“, dabei entriegelte er durch den Fahrerraum links neben dem Lenkrad die Heckklappe und die Polizisten hoben den Perserteppich zur Seite, um an das Ersatzrad zu gelangen. „Was haben Sie denn da?“ fragte der Polizist, als er die Goldbarren sah.

Pitty griff in seine Jacke und holte ein blütenweises Dokument hervor. „Ich bin Vergolder. Ich arbeite für das Grüne Gewölbe. Hier meine Genehmigung der Münze in Berlin.“

Der Polizist nahm das Papier, las es langsam, drehte es um und wieder zurück. Dann nickte der Beamte. „Wir rufen Begleitung.“

Pitty sagte, das muß nicht sein. Sie sollten ihm bitte nur aus dem Graben helfen und den Reifen mit wechseln. Der Bulle grinste, „Was hätten sie gemacht, wenn wir nicht gekommen wären?“

Pitty dachte noch darüber nach, als zwei Motorräder heranfuhren und dann noch zwei. Das UKW-Funknetz knatterte im Polizeiauto. „Wie? Der hat Goldbarren dabei?“

Die Kollegen sahen sich an. Niemand sprach. Sie spürten, dass das, was dort lag, mehr war als Edelmetall. Es war Geschichte, Gewicht und Verantwortung. Etwas, dass sie so noch nie gesehen hatten.

Als der Wagen wieder rollte, fuhren sie vor und hinter ihm. Blaulicht spiegelte sich grell, inzwischen schon in der Abenddämmerung. Während Pitty wieder am Steuer saß, dachte er an sein Haus in Althof. Ein Haus, dessen Türen nie verschlossen waren. Die Werkstatt war immer offen. Er hasste es, die Türen abzuschließen.

Das machte er nur, wenn er wegfuhr.

Das Einzige, was in seinem Leben verschlossen war, war der Zugang zu ihm selbst. Niemand wusste, wer der Ludewig wirklich war.

Die Polizeieskorte zog über die Landstraße durch Mecklenburg. Hoppelstrassen und Kopfsteinpflaster. Die Barren lagen ruhig, als warteten sie auf ihren Zweck. In Althof würde das Gold geschmolzen und im Quecksilbergemisch zu Wappen werden. Zu Symbolen und Dokumentationen. Katharinas Vater wusste das. Er wusste auch, dass diese Fahrt in keinem Bericht stehen würde.

Es war ein stiller Auftrag des Staates für eine Feuervergoldung, die schon lange international verboten war. Pitty parkte neben der Küchentüre, öffnete den Kofferraum und legte die Hand auf das kalte Metall. Die Polizisten verabschiedeten sich kopfschüttelnd und laut lachend.

Es fühlte sich an wie eine Bürde, schwer, aber vertraut. Kein Besitz, nur eine Leihgabe zur Verarbeitung. Er trug die Barren in die Werkstatt und legte sie in den Schrank

 PITTY STIRBT

Als Katharina ihren Vater zum letzten Mal in ihrem Leben sah, hatten sie beide schon lange die Rollen getauscht. Wenn ihr Vater sie, als sie anderthalb Jahre jung war, ins Leben führte und ihr das Malen beibrachte und ihr die schönen Künste lehrte, so führte sie ihn langsam aus seinem Leben heraus. Keiner wusste genau, wann es passiert und die meisten hatten sich bereits aus seinem, ehemals glamourösen Leben verabschiedet. Ihr Vater war inzwischen Quartalssäufer und seine despotischen Züge wurden von seinem Misstrauen geschürt, welches die irrsinnigsten Begebenheiten hervorrief. Er war durch die sechszehnjährige Vergoldung quecksilbervergiftet. Wenn seine Kinder ihn im Haus besuchten, warnte er regelmäßig, die Keramikteller bitte abzuspülen. Das auf den Tellern sei kein Staub. „Das ist Quecksilber!“, rief er aus dem Wohnzimmer über die große Diele bis hinüber in die Küche. So schoben die Kinder neugierig mit dem Finger den Staub zusammen, bis er sich in kleine silberne Kügelchen verwandelte, die über die braunen Keramikteller kullerten. Seine gesundheitlichen Auswirkungen dadurch, übertrafen sich in schwer nachvollziehbaren Situationen, so dass der Respekt und das Blut, das sie verband, eher Schutzbefohlenheit und Sorge in seiner Tochter auslösten. Doch nun befand sich Pitty schon lange auf hoher See zwischen schwindelerregenden Höhen und schwarzen Abgründen, begleitet von Delirien und Außerirdischen, die inzwischen bei ihm in seinem Kopf und Haus eingezogen waren.

Als der alte Ludewig seine Tochter zuletzt zu Besuch hatte, versuchte sie durch die Küchentüre ins Haus zu gelangen, doch da war abgeschlossen und so lief sie nach vorne herum und pochte laut an die Haustüre. „Ich bin nicht da!“ donnerte ihr Vater mit dem Grollen des Vesuvs, bevor er sein Magma in die Luft schleudert. Auf alles gefasst entgegnete Katharina,

„Ich bin es Papa, mache bitte auf.“

Nach einiger Zeit öffnete sich die Türe einen Spalt und sie sah ihren Vater, der sich mit der Hand durch den Bart fuhr und mürrisch sagte, „Ich brauche nichts!“ „Darf ich trotzdem hereinkommen?“ Ja, antwortete er, „aber es ist alles dreckig, du musst dir etwas freiräumen und der Abwasch steht auch seit Wochen. Ich schaffe es nicht mehr.“ Katha trat ein in die hundert Quadratmeter Diele und konnte den Blick nicht von ihrem Vater lassen.

„Was ist passiert?“

„Ach nichts.“

„Die Außerirdischen waren da und ich musste das Haus verteidigen.“

Sie schaute in einen völlig zerschlagenen Kopf, dessen Brillenhämatom die rot eingelaufenen braunen Augen ihres Vaters kaum noch erkennen ließen. Seine Lippen waren eingerissen und blutig und zitternd versuchte er sich eine Zigarette in den Mund zu stecken. Seine Hände, deren Bildsprache und Gesten, ehemals literarischer Erotik glichen, waren geschwollen und vergilbt. Die Fingernägel waren dunkellila angelaufen und die Haut gelb durchzogen.

Katha holte tief Luft und suchte ihre Kraft in den letzten Winkeln ihrer aufkommenden Tränen, die sie gerade noch so unterdrücken konnte. Der Anblick ihres Vaters, in diesem eingelaufenen und verfilzten Schafwollpullover, den ihm ihre Mutter damals gestrickt hatte. Er warf in ihr kurz den Gedanken auf, einen Notarzt zu rufen. Er trug nichts untenherum. Sie sah seine dünnen Beine und seinen Penis, der blau angelaufen war. So stand er barfuß da und versuchte sich immer noch die Zigarette anzuzünden.

Katharina ging in die Küche, wusch das Geschirr ab und brühte sich einen Kaffee auf. Als sie zurück durch die große Diele ging, bemerkte sie, dass die Barocktruhen unter dem Kaminsims offenstanden, und hob im Gehen noch die umgekippten Bauernstühle auf. Der große Perserteppich, der vormals die Tanzfläche in der Diele ausfüllte, war in den Kamin hineingezogen und angebrannt. So setzte sie sich zu ihm ins Wohnzimmer. Er hatte die Fenster alle abgehängt und die offene Flamme des Bunsenbrenners beheizte den Raum über die Gasflasche. Katha fiel auf, dass die antiken Gläser und Teller nicht mehr im Barockschrank in den Fächern standen. „Wo sind die Fayencen und antiken Gläser hin?“ Beiläufig antwortete ihr Vater, er hätte Geld gebraucht und sie verkauft. Es standen vier Stühle um den Arbeitstisch, die da nur stehen, wenn Besuch da war. Pitty lag auf dem Barocksofa und hatte es mit Decken abgehängt. Er rauchte und hustete und erbrach Schleim und Blut hinter das Sofa an der Wand herunter. „Willst du nicht ein paar Tage mit zu mir und den Kindern kommen?“

Pitty winkte kopfschüttelnd ab, während er weitersprach.

„Sie waren da. Sie waren hier im Haus.“

„Das dachte ich mir bereits. Wer waren die?“

„Sie kamen vom Grünen Gewölbe mit einem Unternehmen aus Norwegen. Sie waren hier.“

Katha spürte ihres Vaters Verzweiflung und es war so schwer, die richtigen Worte zu finden. Er holte eine Flasche Wodka vom Fußboden neben dem Sofa hervor, schenkte das antike Lalique Glas auf dem Tisch randvoll ein und trank es in einem Zug leer.

Die Situation war so dramatisch, umso mehr klammerte sie sich an den Gedanken, dass er vielleicht Wasser in die Flasche nachgefüllt hätte. Das Zimmer war inzwischen grau vernebelt vom Rauch und die offene Flamme aus der Gasflasche erzeugte einen penetranten Alkohol-Zigarettenrauch und Schweißgeruch. Pitty goss noch einmal nach, bevor er erzählte, dass sie vom Grünen Gewölbe da waren mit einem Unternehmen aus Norwegen, wegen dem Quecksilber im Haus und Boden und sie hätten Proben genommen.

„War Menzhausen mit?“

„Nein, die waren neu.“, die kannte er nicht. „Was kam heraus?“ „Sie haben mich erpresst! Erpresst! Mich, der ihnen jahrelang den Arsch gerettet hat!“

Katha fragte,

„Du wirst nicht auf Quecksilbervergiftung invalid geschrieben?“

Pitty trank das dritte Glas Wodka in einem Zug und rauchte und mit fast weinender Stimme sagte er, „Wenn sie mich, als quecksilbervergiftet, invalide schreiben und ich eine Entschädigung gezahlt bekomme, werden sie mich im Gegenzug wegen Grundwasserverunreinigung in Althof mit Quecksilber anzeigen!“ und mit vibrierender Stimme hängte er noch an,

„Lachend haben sie gesagt, dass die Abfindung und der Verkauf meines Hauses nicht reichen werden, um die Grundwasserreinigung im ganzen Dorf zu bezahlen!“

Er solle besser auf Alkoholiker in Rente gehen.

Katha spulte einen Film vor sich ab. Seit 20 Jahren begann jeder dritte Satz in der Familie mit „Das Grüne Gewölbe…“, zur Weltausstellung nach Amerika sind sie mit Pittys vergoldeten Wappen geflogen. Die Juwelen, die Korallenfrau und den Intarsien Schrank mit dem Perlmutt und Emaille Inletts hat er restauriert, den Mohr, den Hofstaat und die Lupe vor dem Kirschkern hatte er erfunden. Auf der internationalen Schmuckmesse in Jablonec hatte er mit seinen Schmuckstücken den 3. Platz gewonnen. Dieses Grüne Gewölbe wurde von ihrem Vater geprägt, seitdem die Russen die Kunstschätze nach Dresden zurückgebracht und er mit Gisela Haase die Aufarbeitung begonnen hatte und jetzt lassen sie ihn fallen? „Bitte gehe jetzt!“ Noch in Gedanken versunken, hörte sie unterbewusst, „Lass mich bitte allein!“ und schaute auf. Ihr Vater schwankte zur Haustür und Katha fragte, „Kann ich Dir noch irgendetwas helfen, Papa?“ Er schüttelte den Kopf und ging wieder zurück. „Nein. Nein. Mache nur die Tür von außen zu.“

Schwer beunruhigt und fassungslos ließ sie ihn allein.

Kurz darauf kam ihr Bruder mit seiner Frau zu ihr. Sie standen im Flur und eröffneten die Begrüßungszeremonie mit einem „Katha, Du musst jetzt tapfer sein.“ Sofort fragte sie zurück, was ist mit Vater? Sie setzten sich alle an einen Tisch und Ihr Bruder erzählte, er sei aus heiterem Himmel ins Krankenhaus gegangen und hatte noch zur Nachbarin gesagt, er hätte keine Lust mehr und ginge jetzt sterben. „Sage schöne Grüße an meine Kinder!“ Die Nachbarin dachte, es ist ein Schabernack. Nach drei Tagen rief das Krankenhaus an. „Es tut uns leid, ihr Vater ist verstorben.“

Johannes und Sabine fuhren sofort nach Althof und als sie das Haus betraten, fanden sie in der Asche im Kamin Pittys Unterlagen, wie seinen Personalausweis, Entwürfe, Krankenversicherungen, Steuerbescheide und sein Mitgliedsausweis aus dem VBK-Dresden, dem Verband Bildender Künstler, in dem er als Schmuckgestalter und Sektionschef der Abteilung Formgestaltung arbeitete. Der Perserteppich lag immer noch im Kamin und Sabine nahm die, soweit noch erkenntlichen, und verkokelten Papiere heraus. Johannes war wie versteinert und zeigte keine Emotionen. Sie stellte sich neben ihn, als er immer noch gebannt in den Kamin starrte und fragte, ob er es nicht seltsam finde, dass Pitty seine Papiere verbrannt habe. Sein ganzes Leben und seine Identität. Johannes versteckte seine Fäuste in seinen Hosentaschen und zuckte mit den Schultern: „Die Antwort kann uns nur das Grüne Gewölbe geben."      

ICH VERLIERE MEINEN GLAUBEN

Ihr Freundeskreis wusste, dass sie Kunst hasste. Kunst war für sie der Inbegriff dessen, was sie mit der Muttermilch in sich gepumpt bekommen hat und sie bereits bis ins fortgeschrittene Stadium zerstörte. Wenn man vor ihr über Kunst sprach, ersetzte man den Begriff als „das böse Wort“.

„Hallo Katha, wir haben heute, das böse Wort getroffen!“ Sie hielt einen Moment inne, streckte ihren Körper, Schultern runter, Busen raus, atmete flach ein und reagierte nicht.

Katharina war 33 Jahre mit roten kurzen Locken und grünen Augen. Von ihren langen braunen Zöpfen hatte sie sich gerade erst getrennt. Mit ihrem kurzen Bob fühlte sie sich leichter. Während einer ihrer Ausstellungen in einer renommierten Galerie, mischte sie sich nach dem Hängen der Bilder, unter die ersten Gäste. Ihre Kunstwerke waren Lederbilder, in die sie die Farbe mit heißem Wachs tief in die Haut einbrannte. Jeder Tropfen war, wie ihr eigener Schmerz, den sie täglich spürte, wenn sie sich zurückerinnerte.

„Das sind Lederbilder? Auf Leder?“

„Wie kommt man denn auf sowas!“, fragten sich die Gäste. Schweigend wandelt sie durch die Menge und suchte die, die ihr beistanden, um sich zu ihnen zu stellen. Ihre Freunde hatten die Musikband „Twirl“ des Abends gestellt und waren auch mit dem Aufbau fertig. Alle standen draußen mit Getränken in der Hand, rauchten oder fachsimpelten einfach nur über Kunst. Es war die Entspannung vor der Eröffnung von Kathas Vernissage.

Da fiel sie einem Gast auf, wie sie an die Ziegelsteinmauer gelehnt stand und sich eine Zigarette anzündete. Es war Sommer, sie hatte nach dem Bad nur einen String angezogen und ein braunes knöchellanges Strickkleid mit Spaghettiträgern flüchtig über ihre noch nasse blasse Haut gestreift. Dazu trug sie rote Plateauschuhe und eine dunkelrote Granatperlenkette. Er verwickelte sie in Small Talk und fragte bald, was sie denn so mache. Sie antwortete, dass sie male. Sein lasziver Blick lies nicht von ihren Kontouren ab und er fragte kunsterfahren, „Welches Medium benutzt Du?“

Verwirrt entgegnete sie, „Was ist das, ein Medium?“

Lachend wiederholte er seine Frage genauer, mit was für einer Technik sie male.

„Ach so, ich male mit Modellbaulacken und heißem Wachs auf Lederhäute.

„Also Hobbykünstler?“, fragte er eher ironisch. Katharina gefiel das Spiel und sie antwortete, „Vielleicht.“ Er bohrte tiefer nach, ob sie schon mal irgendwo ausgestellt hätte. Mit ihrem zuckersüßen roten Mund lachte sie, zog die Nase kraus und antwortete, „Ich stelle selten aus.“, dabei legte er seine Hand auf ihre nackte Schulter, als würde er sie väterlich tätscheln und sagte, dann sei sie hier in dieser Galerie am Alten Markt bei der Galeristin Helga Manowski an der richtigen Stelle und könne etwas lernen. Ihre Freundin trat neben sie mit zwei Gläsern Wein in jeweils einer Hand und gab ihr ein Glas und fragte. „Warum hast Du ihm denn nicht gesagt, dass das hier Deine eigene Ausstellung ist und deine Lederbilder sind!“

Katharina zuckte mit den Schultern. „Er hätte es selbst herausbekommen können. Er ist nicht der Kunst wegen hier. Er will eine aus diesem Umfeld flachlegen. Mehr nicht.“

Damals dachte man noch, Katharina sei halt eine wählerische Künstlerin mit einem launischen Markenzeichen und ihre Distanz zur Kunst würde sich irgendwann legen. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie sich endgültig wieder für die Malerei entschieden und angefangen in ihren zeitlichen Epochen zu malen. Sie malte immer großformatige Bilder von 1.30 x 1.00m auf MDF-Platten.

Die Leinwand hatte den Touch eines Künstlers und damit wollte sie nichts mehr zu tun haben. Für Ihre Kunstwerke sah eine Leiwand viel zu gewöhnlich aus.

Diese begannen 1994 mit den Lederbildern, 2000–2005 ihre Abstrakten, den abstrakten Nackten, den Pin-up-Girls und Schlüsselloch-Pinups. 2005 entstanden ihre ersten New Styles bei denen Katharina von der Wachs-Abbinde Technik zum Abbinden mit Tape Band wechselte. 2025 begann sie unter Epoxidharz zwischen den Schichten abzubinden. In ihrem ganzen Lebenswerk fühlte sich Katharina immer mit der Pop Art verbunden und der Oberflächlichkeit des Seins.

Oft wurde sie gefragt, warum sie sich nicht mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetze. Da winkte sie schnell ab und sagte: „Ich bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen und habe alle Facetten von Macht, Manipulation, Geld, Gewalt und politischen Missbrauch kennengelernt. Ich möchte nichts in meinen Kunstwerken ausdrücken, was mich mit meiner eigenen Erinnerung verbindet!“ Dem fügte sie noch schmunzelnd hinzu, „Die Menschen wollen eine Geschichte oder einen Fehler, der ihre Aufmerksamkeit fesselt. Einen Moment, der sie innehalten und von ihren Gedankengängen aufblicken lässt. Diesen Moment halte ich in meinen Bildern fest.„Unvorstellbar, dieses heimliche Gift ihrer Erziehung durch ihren Vater, das anschwoll, wenn man über ihre Bilder sprach. Es hatte sie aus ihrer Umlaufbahn geworfen. Rausgeschmissen auf die Straße, wie Ulla, wenn sie ihre Brüder des Hauses verwies. Entwurzelt und auf einer lebenslangen Flucht vor der Kunst, die wie ein Schatten mit ihr mitläuft. Katharina versteckte sich in Frauenblicken. In Gesichtern, in denen sie sich wiederfand, ohne sich selbst preiszugeben, ohne das eigene Gesicht ausstellen zu müssen. Königin der Selbstportraits, das war das ferne Leuchten und doch malte sie. Klarer, plastischer, bunter und immer in der Spur zu ihrer eigenen Seele.

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